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Wenn Artenschutz in Konkurrenz gerät: Der Kormoran und die Zukunft unserer Fischbestände

In den vergangenen Wochen hat die Diskussion um den Kormoran in Deutschland deutlich an Intensität gewonnen. Maßgeblich ausgelöst wurde sie derzeit durch den Landesanglerverband Brandenburg sowie den Deutschen Angelfischerverband (DAFV) [1], die angesichts hoher Kormoranbestände und zunehmender Schäden an Fischpopulationen ein bundesweit koordiniertes und europäisch abgestimmtes Kormoranmanagement fordern. Ausgangspunkt der Debatte ist die Sorge, dass der bislang stark auf den Schutz des Kormorans ausgerichtete Naturschutz den Fischartenschutz und die Erhaltungsziele aquatischer Lebensgemeinschaften nicht ausreichend berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund rückt auch in Sachsen-Anhalt die Frage in den Fokus, welchen Einfluss der Kormoran auf Fischbestände hat und wie ein fachlich ausgewogenes Management zwischen Vogel- und Fischschutz ausgestaltet werden kann.

Der Kormoran (Phalacrocorax carbo) ist seit den 1990er-Jahren ein fester Bestandteil der Avifauna Sachsen-Anhalts. Während die Zahl der Brutpaare seit mehreren Jahren mit etwa 480 bis 600 Paaren als stabil eingestuft wird, unterliegen die Rastbestände im Winterhalbjahr erheblichen Schwankungen und erreichen insbesondere während ausgeprägter Frostperioden hohe Konzentrationen an Fließgewässern (MZ, 26.01.2026; [2]). Im Vergleich zu historischen Nachweisen stellt die gegenwärtige Situation keinen langzeittypischen Zustand dar. Beike et al. (2013; [3]) weisen Brutkolonien überwiegend östlich der Elbe nach, während der Kormoran in der mitteldeutschen Region historisch vor allem als Durchzügler und Wintergast beschrieben wird.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass ausgeprägte saisonale Ansammlungen des Kormorans erhebliche Auswirkungen auf Fischbestände haben können. Nach Ebel (2012; [4]) traten in mehreren Fließgewässern Sachsen-Anhalts, insbesondere an der Helme und der Kleinen Helme, deutliche Rückgänge der Fischfauna zeitgleich mit der Zunahme der Kormoranpräsenz auf. Besonders betroffen sind Fischarten der Äschen- und Barbenregion, darunter Äsche, Barbe, Hasel und Döbel. Langjährige Elektrobefischungen dokumentieren dort Bestandsverluste von bis zu 80 beziehungsweise nahezu 100 Prozent, während andere potenzielle Einflussfaktoren als von untergeordneter Bedeutung bewertet werden. Auch unser lokaler Mitgliedsverein kann diesen Einfluss bestätigen und berichtet auf seiner Homepage darüber [5].

Der Kormoran hat einen täglichen Nahrungsbedarf von rund 400 bis 500 Gramm Fisch und erbeutet bevorzugt mittelgroße Fische. Dadurch werden vor allem reproduktiv wichtige Altersklassen dezimiert. Zusätzlich erhöhen verletzungsbedingte Folgeverluste die tatsächliche Mortalität. Aufgrund der hohen Mobilität einiger Arten entsteht lokal kein stabiles Räuber-Beute-Gleichgewicht, sondern ein anhaltend hoher Prädationsdruck.

Unabhängig von der Bestandsentwicklung des Kormorans wird der Prädationsdruck auf Fischbestände durch weitere Rahmenbedingungen verstärkt. Anthropogene Veränderungen der Gewässer, insbesondere Ausbauzustände, eingeschränkte Durchgängigkeit und strukturelle Verarmung, wirken zusammen mit klimatischen Veränderungen und erhöhen die Effizienz der Nahrungssuche des Kormorans. Zudem ist eine deutliche Veränderung des Zugverhaltens festzustellen, da ein zunehmender Anteil der Population in Deutschland überwintert. Dadurch bleibt der Prädationsdruck auf die Fischfauna auch in den Wintermonaten kontinuierlich bestehen.

Insgesamt zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld zwischen Vogel- und Fischschutz. Aus unserer Sicht muss zur Auflösung dieser Spannung ganzheitlich gedacht werden, sodass der Vorwurf des „Naturschutzes, welcher an der Wasseroberfläche endet“ nicht weiter gefüttert wird. Vor diesem Hintergrund sehen wir ein europäisches, überregional angepasstes, rechtssicheres Kormoranmanagement als notwendig an, um Fischbestände wirksam und langfristig zu schützen.

 

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Kormorane unterhalb der Steinmühlenbrücke im Mühlgraben in Halle (Saale), Foto von Rainer Wozny

 

Quellen und weiterführende Literatur:

[1] Kormoranbestände gefährden Fischbestände – DAFV fordert bundesweites und europäisch abgestimmtes Kormoranmanagement (https://www.dafv.de/projekte/kormoran/kormoranbestaende-gefaehrden-fischbestaende-dafv-fordert-bundesweites-und-europaeisch-abgestimmtes-kormoranmanagement)

[2]  „Apokalyptische Zustände“ durch Kormorane: Kreisanglerverein Sangerhausen fürchtet um sensible Fischbestände (MZ, 26.01.2026, https://www.mz.de/lokal/sangerhausen/kormorane-fischbestaende-schutz-4186685)

[3] Beike, M. et al. (2013): Der Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis) im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden zwischen 800 und 1800, Vogelwelt 134, S. 233–261.

[4] Ebel, Guntram. „Zum Einfluss des Kormorans (Phalacrocorax carbo sinensis) auf Fischbestände in Fließgewässern Sachsen-Anhalts“. Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt, Nr. 49 (2012): 26–39.

[5] "Apokalyptischer Kormoraneinfall führt zu massiven Schäden am Fischbestand" https://www.kreisanglerverein-sangerhausen.de/news/1/1184593/nachrichten/apokalyptischer-kormoraneinfall-f%C3%BChrt-zu-massiven-sch%C3%A4den-am-fischbestand.html

Faktencheck Kormoran (Anglerverband Niedersachsen e. V., https://www.av-nds.de/wp-content/uploads/2023/07/2016-11-28_AVN-Faktencheck_Kormoran_final_web.pdf)

 

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